Namaste!
Auf den Spuren von Tee, Vanille und Pfeffer
Im November 2009 gingen wir dort hin, wo der Pfeffer wächst und besuchten faire Bio-Anbauprojekte in Darjeeling im Norden und Karnataka im Süden Indiens. (Fotos folgen)
Das von Heiden Rutten geführte Tagebuch über den siebentägigen Besuch in Indien. Ein wahrlich atemberaubendes Erlebnis!
„Soweit ich das beurteilen kann, wurde nichts unterlassen - weder vom Menschen noch von der Natur - um Indien zum außergewöhnlichsten Land unter der Sonne zu machen. Nichts scheint vergessen und nichts übersehen worden zu sein.“
Mark Twain
Der berühmte amerikanische Schriftsteller war wohl ähnlich beeindruckt wie unser SONNENTOR Team auf seiner Indien-Reise.
Wir wollten die Menschen, mit denen über tausende Kilometer hinweg zusammengearbeitet wird, persönlich kennen lernen und uns ein Bild von ihrer Arbeit machen. Heide Rutten, unsere Botschafterin der Marke SONNENTOR in Deutschland, führte Reisetagebuch ...
Tag 1. Ankunft in Colcatta, von wo wir gemeinsam mit Nibir Bordoloi, Senior Manager von Mr. Bansals Darjeeling Tea Estate, weiter nach Bagdogra fliegen. Er wird uns auf der Reise nach Darjeeling begleiten. Das Einchecken geht etwas chaotisch zu. Wir sind müde von dem 14-Stunden-Flug, auf dem wir aber schon mit einem wunderbaren Blick auf den Himalaya belohnt wurden. Der Gang aus dem Flughafen ist nicht so leicht, jeder will unsere Taschen trotz Rollen tragen, um danach Rupies zu bekommen.
Danach werden wir von zwei Four-Wheel-Autos abgeholt, die uns nach Kurseong – Darjeeling – bringen werden. Es ist unglaublich, was wir auf der Fahrt zu sehen bekommen! Durch den ungewohnten Linksverkehr denkt man oft, die Lkw kommen frontal auf einen zu. Die Fahrer sind wahnwitzig wie der Verkehr selbst. Überall gibt es große Löcher in der Fahrbahn, um die man herumfährt. Wir sehen Kühe, Hunde, Radl-Rikschas, Ochsenkarren, Fußgänger und das mit der passenden Bollywood- Untermahlung aus dem Radio. Der Fahrer räuspert sich ab und zu und spuckt sehr laut aus dem fahrenden Wagen. Ungewohnt, aber im Flughafen hing ein Schild: No spitting please! Das verstehe ich jetzt.
Es ist angenehm warm und sehr diesig, die vielen kleinen Feuer vor den Häusern machen die Luft dick. Wir begegnen ganzen Karawanen von Jeeps, die voll gestopft mit Ladung, Steinen, Menschen, Paketen und Tieren sind. Hannes geht es mit der kurvigen Strecke nicht so gut. Wen wundert’s, ich bin froh, dass mir nicht schlecht wird.
Entlang der Strasse befinden sich Häuser und kleine Shops mit bunten Süßigkeiten. Überall hocken Menschen und unterhalten sich. Hin und wieder kommen wir an einer buddhistischen Pagode vorbei. Während es rund herum matschig und schmutzig ist und oft heftig stinkt, sind diese sehr sauber und wirken frisch gestrichen. Spät abends, nach einer sehr abenteuerlichen Serpentinenfahrt schon innerhalb der Teegärten, kommen wir im ehemaligen Kolonialhaus an. Wir werden mit Getränken empfangen, dürfen uns aus hochherrschaftlichen Zimmern die schönsten zur Übernachtung aussuchen und sinken ermattet, aber glücklich in die Kissen. Das war ein Tag!
Tag 2. Schon der Großvater von Herrn Sanjay Bansal hat hier Teegärten bewirtschaftet. Sein Cousin Anil Bansal, der uns begleitet, ist Präsident und Manager. Herr Bansal betreut weitere 9 biologisch bewirtschaftete Teegärten mit insgesamt 90.000 ha Anbaufläche. Der größte Teil davon liegt in Darjeeling. Alle tragen das Fair Trade Siegel und man ist bemüht, weitere Gärten auf biodynamischen Landbau umzustellen. Es leben rund 50.000 Menschen in diesen 10 Bio-Teegärten, davon sind ungefähr 25.000 Pflückerinnen. Auf meine Frage, warum ausschließlich Frauen und keine Männer pflücken, antwortet Hr. Bansal, weil Frauen mehr Feingefühl in den Fingerspitzen haben. Die Männer bearbeiten den Boden, machen den Rückschnitt der Büsche im Winter, wiegen und fahren den Tee zur Aufbereitung.
Gepflückt werden „two leaves and a bud“ – die zwei obersten Blätter und eine Knospe. Dieser Teil wächst je nach Jahreszeit alle 8 bis 10 Tage nach, sodass jeder Plot alle 8 bis 10 Tage wieder bepflückt werden kann. 8.000 bis 15.000 solcher Dreiheiten ergeben 1 kg fertigen Tee, je nach Pflückzeit und Qualität. Wir versuchen uns auch dabei, um ein Gefühl für diese Arbeit zu bekommen. Der volle Korb wird zu einer Sammelstelle gebracht, in Kisten gefüllt und gewogen, dann fährt die frische Ernte in die Teefabrik zur Verarbeitung und Fermentation. Der frisch gepflückte Tee wird noch am gleichen Tag verarbeitet. So sind wir bei der Verkostung in den Genuss von jungem und frischen Darjeeling Biotee gekommen, das ist schon etwas Besonderes!
Die Familien der Teepflückerinnen leben in kleinen Weilern mitten in den Teegärten. Sie haben kleine bunte Häuser, einen Garten mit Gemüse, ein oder zwei Kühe, Geflügel und produzieren den Großteil ihrer Verbrauchsgüter selbst. Ältere Menschen betreuen die Kinder, bestellen den Gemüsegarten und werden von der Familie versorgt. Auf Bildung und medizinische Versorgung wird in den Bio-Teegärten viel Wert gelegt. Rund 20 % der gesamten Teeanbaufläche in Darjeeling ist bereits auf biologische Landwirtschaft umgestellt.
Die Menschen sind zufriedener und glücklicher. Wir können das spüren und können viele lachende Gesichter beobachten. Wenn wir Europäer erblickt werden, stehen sie oft in strammer Haltung. Der Fotoapparat lässt die Menschen förmlich versteinern. Der alte englische Drill ist noch immer sichtbar. Es gilt nicht nur den Boden ins Gleichgewicht zu bringen, sondern auch die Menschen, die hier leben. „Leben und leben lassen“ funktioniert auch hier!
Tag 3. Wir fahren mit unseren bewährten Allradfahrzeugen nach Darjeeling Stadt. Wer hätte gedacht, dass hier rund 100.000 Einwohner leben! Sie liegt auf 2.130 m Höhe, teilweise an steilen Hängen, umgeben von Teegärten.
Bevor wir typisch bengalisch essen, drehen wir eine Runde durch den Ort. Es gibt Teegeschäfte, wo man feinsten Darjeeling kosten kann, und sehr schönes Kunsthandwerk. Wir erstehen einige Mitbringsel, wie eine Kette mit Himalaya-Türkisen und handgeschnitzte Elefanten. Joschi, unser Einkaufsleiter, muss einen Tiger für seine kleine Tochter mitbringen. Wir dürfen im wunderbaren Hotel Windamere nächtigen. Die Mitarbeiter tragen tibetische Tracht und wir Damen werden gefragt, ob wir am Abend eine Hot Water Bottle für warme Füße haben möchten. Very british, da sagen wir nicht nein!
Punkt vier Uhr morgens blinzeln Michi und ich aus der Daunendecke in den Sternenhimmel. Es hat knapp über null Grad, also alles anziehen, was man so dabei hat. Wir fahren auf den Tiger Hill, hier gab es früher wirklich noch Tiger, Joschi hofft… Heute tummeln sich über tausend Menschen dort, um den Sonnenaufgang zu erleben. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen den Kanchenjunga, den höchsten Berg Indiens, in rosa-orange-rotes Licht. Davor liegt der Nebel über den Hügeln und er sieht aus wie ein großer Wasserfall, der sich über die Hänge ergießt. Viele Inder sind zu sehen, indische Ehepaare auf Hochzeitsreise, Trekking-Touristen aus Europa oder Amerika. Im Angesicht des Himalaya-Massivs hat man das Gefühl, dass es eine Art von Zusammengehörigkeit zwischen den Menschen gibt, die über alle Beschränkungen und Grenzen hinausgeht. Wunderbar!
Danach fliegen wir nach Bangalore (Bengaluru), ins Zentrum des indischen IT-Business. Hier treffen wir Herrn CMN (er trägt über 10 Vornamen von seinen Vor-Vätern, daher haben wir die ersten drei abgekürzt). Wir kennen ihn von der Biofach und SONNENTOR bezieht von seinen Bio-Bauern Kashmir, Safran, Pfeffer, Kurkuma und vieles mehr. CMN ist ein fast immer lachender, humorvoller Mensch, den wir in den nächsten Tagen als großherzigen und wunderbaren Gastgeber kennen lernen dürfen.
CMN hat vor 10 Jahren mit biologischer Landwirtschaft und dem Vertrieb von Gewürzen aus kleinbäuerlichen Strukturen begonnen. Ein durchschnittlicher indischer Bauer bewirtschaftet zwischen ein und zwei Hektar Boden. Der Chemieeinsatz ist in der konventionellen Landwirtschaft sehr hoch, viele haben verlernt auf Umwelt und Pflanzenkrankheiten zu achten. CMN und seine rechte Hand Umesh zeigen Wege auf, wie Bio-Bauern die Umwelt besser und nachhaltiger ohne Gift bearbeiten können.
Tag 4. Am nächsten Morgen geht es über viele Reisfelder, Palmengärten, Zuckerrohrfelder und kleine Dörfer zu einer großen Biofarm der Familie Rangaswamy. Man sieht, wie stolz Herr Rangaswamy auf seine Ursprünge ist und wie sehr die Eltern schätzen, was ihr Sohn aus diesem Anwesen mit biologischer Landwirtschaft geschaffen hat.
Auf dem Gelände befinden sich einige Lagerhallen und viele offene Flächen für die Trocknung von Gewürzen wie Chili oder Vanille. Ein Stall mit 60 Rindern für den Kompost und eine eigene Biogasanlage sorgen für Unabhängigkeit in der Energieversorgung.
Hohe Kokos- und Bethelnuss-Palmen beschatten andere Pflanzen. Wir sehen Papayas, Bananen und an den Palmenstämmen schlingt sich endlich unser Pfeffer hoch! Wir sind da, wo mich meine Mutter schon als Kind hingeschickt hat, dahin wo der Pfeffer wächst! Ich staune, wo man auch hinschaut, wächst hier etwas Wertvolles und Wunderbares. Es herrscht eine paradiesische Vielfalt, Mischkultur, wie man sie kaum reiner finden kann! Die Erde ist fruchtbar und überall gibt es Komposthügel, die hier noch nachreifen, um dann beizeiten im Garten verteilt zu werden. Die Luft ist feucht und es ist sehr warm. Wir schwitzen ganz schön und sind moskitoumschwärmt, für diesen Pflanzenreichtum genau das Richtige.
Diese, auf den ersten Blick, etwas unüberschaubare Vielfalt ist sorgfältig geplant und betreut. Wenn der Markt für Vanille übersättigt ist, dann baut man mehr Kardamom, Bananen oder Pfeffer an. Das Teakholz zur Hainbegrenzung und als Windschutz dient gleichzeitig auch als Rohstoff. Aus Patchouli- und Sandelholzbäumen gewinnt man ätherische Öle.
Direkt am Feldrand steht ein Neem-Baum und die Bauern zeigen uns, wie sie statt einer Zahnbürste einfach einen kleinen Zweig abbrechen, ihn zerbeißen und dann das ausgefranste Ende zur Zahnreinigung nutzen. Etwas bitter, aber die Bauern haben ihren Spaß mit unserer Neugierde. Mit frisch geputzten Zähnen setzten wir uns zu Tisch.
Vor jedem steht ein aus einem getrockneten Kokospalmenblatt geformter Teller und fleißige Helfer laufen mit Schüsseln und Edelstahleimerchen an uns vorbei und schöpfen auf unsere Teller. Es gibt Reis, Curry, einen Hirse-Dumpling, Gemüse, Lammfleisch in Soße und Suppe. In Indien isst man immer mit der rechten Hand. Zwar wird es uns Ungeübten nachgesehen, die Linke zur Hilfe zu nehmen, aber gute Gäste geben sich auch Mühe. Wir bedanken uns für das köstliche Essen und übervoll mit Eindrücken fahren wir weiter. Wir freuen uns schon auf eine erholsame Nachtruhe auf Hosagunda, der Bio-Farm von CMN.
Tag 5. Als besondere Ehre soll Hannes mit CMN das neu gebaute Gästehaus seiner Bestimmung übergeben. Es wurde binnen 36 Tagen erbaut, alle haben mitgeholfen und der Baurekord wird gefeiert! Ein hinduistischer Priester vollführt eine Puja, eine Zeremonie, die dieses Haus für die Zukunft vor Unwetter und Unglück schützen soll. Es wird mit duftendem Räucherwerk und Gebeten für Segen und Glück für seine Bewohner geweiht. Danach dürfen Hannes und CMN das Türband durchschneiden. Im Innern hat der Glück verheißende und schützende Elefantengott Ganesh schon seinen Platz eingenommen.
Zur Hauseinweihung und zu unseren Ehren wurde ein großes Lagerfeuer entfacht. Auf dem lehmgestampften Platz daneben führen Tänzer einen lokalen Stocktanz für uns auf. Nach einiger Zeit fordern sie unsere Herren auf, mitzumachen. Hannes wird noch mit dem passenden Outfit ausgestattet und dann kann es losgehen! So habe ich meinen Chef noch nicht gesehen! Erst noch etwas zaghaft, hat er bald den Dreh raus und den Rhythmus drin! Dann macht auch Joschi mit, da kommt das Waldviertler Temperament so richtig zum Vorschein!
Bei einem Bier und guten Gesprächen klingt der Tag aus. Geheimnisvolle Geräusche und Hundegebell von draußen lassen Michi und mich nicht ganz so gut schlafen. Wir hoffen, dass Hannes und Joschi im Roh-Neubau gute Träume haben.
Tag 6. Am Morgen gibt es eine „Dusche“ auf indisch. Das Bad hat keinen Duschkopf, aber eine Vertiefung, in der heißes Wasser zum Schöpfen ist. Es wird von außen über einem Holzfeuer erwärmt, mit kaltem Wasser in einem Zuber auf die persönliche Wohlfühl-Temperatur gemischt und dann schöpft man es mit einem kleinen Eimer über sich.
Wir fahren retour nach Bangalore. Es ist Samstag Abend und wie bei uns tummeln sich viele Menschen. Es gibt keine Straßenlaternen, sie laufen im Dunkeln an der Strasse entlang, und daneben brodelt der Verkehr. Ab und zu gibt es mit Lichterketten erleuchtete Plätze mit Buden und kleinen Garküchen. Man hat Lust auszusteigen und einfach dabei zu sein. Spät abends kommen wir an. CMN hat für uns einen besonderen Schlafplatz ausgesucht - das erst Bio-Hotel von Bangalore! Hier werden Appartements in jeder Größe vermietet und im Bio-Restaurant werden alle bekocht. Wir sinken ermattet in die Kissen. Was für ein Tag, vom Dschungel bis ins Bio-Hotel.
Tag 7. Wir werden abgeholt, um die Firmenräumlichkeiten und die Verarbeitung zu besichtigen. Der Betrieb verarbeitet ausschließlich getrocknete Ware in Großmengen. Die Struktur ist der bei SONNENTOR im Waldviertel sehr ähnlich, nur die Entfernungen zu den Bauern sind in Indien wesentlich größer.
Jeder Bio-Bauer ist als Betrieb ein selbstständiger Unternehmer und lässt sich von einer unabhängigen Kontrollstelle für den biologischen Anbau zertifizieren. CMN sucht neue Bauern, die sich für diesen Weg entscheiden und unterstützt sie mit dem Wissen in Kompost Management, Kreislaufwirtschaft, Mitarbeiterführung, Anbau und Vermarktung. Die Bauern werden von landwirtschaftlichen Beratern geschult und intensiv betreut, um später eine gute und stabile Qualität zu erhalten. Der Bauer bekommt seinen Platz als wertvoller Produzent und geschätzter Versorger, statt mit Dumping-Preisen zum Hungerlohn-Empfänger zu werden.
Der Abschied naht. Wir haben erlebt, dass hier verantwortungsbewußt mit Umwelt und Ressourcen umgegangen wird. Wir sind stolz und glücklich, mit diesen Menschen zusammen arbeiten zu dürfen. Auch hier in Indien ist uns wieder einmal bewusst geworden, dass unser Weg der Transparenz und der Wertschätzung für unser langfristiges Miteinander unerlässlich ist.
Die Reisegruppe bestand aus Johannes Gutmann (SONNENTOR Firmengründer), Heide Rutten (Botschafterin der Marke SONNENTOR in Deutschland), Michaela Thaler (Hausgrafikerin und -fotografin), Johannes Wenny (Einkaufsleiter) und Michael Zimmermann (Geschäftsführer „Organic Food Ingredients“)

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